Verantwortung statt Rekordjagd
Wer Tim in den Bergen beobachtet, merkt schnell: Hier geht es nicht um Selbstinszenierung oder jugendlichen Leichtsinn. Die Entscheidungen sind überlegt, das Tempo kontrolliert, die Planung präzise. Der junge Alpinist trägt Verantwortung – für sich selbst, für seinen Vater und für jede Situation, die sich am Berg entwickeln kann. Diese Haltung wurde früh geprägt. Schon bei den ersten großen Touren war klar, dass dieses Projekt nur funktionieren kann, wenn Sicherheit, Vorbereitung und gegenseitiges Vertrauen an erster Stelle stehen. Jede Route wird gemeinsam geplant, Wetterfenster genau analysiert, Umkehr ist immer eine Option, die auch schon mehrfach wahrgenommen wurde. Der Berg bleibt der Maßstab.
Das Matterhorn – über den Liongrat
Einer der markantesten Momente des bisherigen Projekts war die Besteigung des Matterhorns (4.478 m) über den Liongrat, eine der anspruchsvollen klassischen Routen auf diesen ikonischen Gipfel. Der Grat ist ausgesetzt, technisch fordernd und verlangt über lange Zeit absolute Konzentration. Der Aufstieg bis zur Carrelhütte war schön, teils technisch und anstrengend aber gut vorbereitet und geplant. Am Abend gegen 19 Uhr, kurz vor dem Schlafengehen änderte sich die Situation abrupt: Zwei italienische Bergsteiger war am Ende seiner Kräfte, einer hatte sich im Schneesturm schlafen gelegt, der andere hatte es gerade noch zur Hütte geschafft. Was folgte, war kein Heldentum, sondern routiniertes Handeln. Ein französisches Paar, Tim und Tobias sicherten den Verunglückten, leisteten Erste Hilfe und organisierten die Rettung per Flaschenzug bis zur Hütte. Der Gipfel rückte in diesem Moment in den Hintergrund. Am Berg zählt nicht der Rekord, sondern der Mensch. Der Italiener überlebte mit schweren Erfrierungen. Wenige Stunden später, nach einer jetzt noch kürzeren Nacht, erreichten sie den Gipfel. Für Tim war es ein prägender Moment: der Berg als Ort der Grenzerfahrung – aber auch der Verantwortung.
Eis, Stille und eine gefrorene Wand
Eine wunderschöne Erinnerung ist auch die erste klassische Nordwand, die des Gran Paradiso. Der Gipfel war zwar schon bestiegen, über die Normalroute, aber nur bis zur „Madonna“, dem mittlerweile als Hauptgipfel zweckentfremdeten Nebengipfel des Gran Paradiso. Im Februar ging es also mit Ski zur Chabod-Hütte und am frühen Morgen durch die 600 Meter hohe Eiswand, wo wieder jeder Schritt, jeder Pickelhieb sitzen müssen – aber der spektakuläre Gipfelgrat war lohn genug für die stundenlange Mühe und Kälte in der Nordwand. Solche Passagen sind keine spektakulären Gipfelbilder, aber sie prägen das Projekt. Sie stehen für das, was Alpinismus wirklich bedeutet: Geduld, Technik, mentale Stärke – und die Fähigkeit, in Extremsituationen ruhig zu bleiben.
Ein Projekt ohne Abkürzungen
Alle 53 bisher bestiegenen Gipfel wurden ohne Bergführer erreicht. Diese bewusste Entscheidung bedeutet mehr Verantwortung, aber auch mehr Lernprozess. Routenfindung, Absicherung, Einschätzung von Schnee- und Eisverhältnissen – all das liegt vollständig in den eigenen Händen. Hinzu kommt der Anspruch, den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Die meisten Zustiege erfolgen zu Fuß oder mit Ski, Fahrten werden gebündelt, Übernachtungen reduziert, bzw. Biwaks werden, wenn sinnvoll, bevorzugt. Der Berg ist kein Konsumprodukt, sondern ein sensibler Raum.