• 82 Viertausender

82 Viertausender – ein Junge, sein Vater und der lange Weg durch Eis, Fels und Verantwortung

Es ist noch dunkel, als sich zwei Stirnlampen durch das Geröll bewegen. Hoch oben im alpinen Gelände zählt jeder Schritt. Für Tim Steinberger, vor ein paar Tagen wurde er 17, ist diese Situation längst vertraut. Seit mehreren Jahren ist er mit seinem Vater Tobias Steinberger in den Alpen unterwegs – mit einem Ziel, das größer ist als jede einzelne Tour: alle 82 Viertausender der Alpen zu besteigen. Was zunächst wie ein ambitioniertes Bergprojekt klingt, hat längst eine außergewöhnliche Dimension erreicht. Tim steht kurz davor, der jüngste Mensch aller Zeiten zu werden, der alle offiziell anerkannten Viertausender der Alpen bestiegen hat. Begleitet wird er dabei von seinem Vater Tobias, der seit fast 40 Jahren mit Typ-1-Diabetes lebt und als erster Diabetiker weltweit ebenfalls alle 82 Gipfel erreichen will. Gemeinsam haben sie bereits 53 Viertausender bestiegen. Bisher summiert sich das auf 67.300 Höhenmetern, 870 Kilometern Distanz und 840 Stunden reiner Unterwegszeit von Tal zu Tal. Alle Touren wurden ohne Bergführer, eigenständig und mit minimalem ökologischem Fußabdruck durchgeführt.

Verantwortung statt Rekordjagd

Wer Tim in den Bergen beobachtet, merkt schnell: Hier geht es nicht um Selbstinszenierung oder jugendlichen Leichtsinn. Die Entscheidungen sind überlegt, das Tempo kontrolliert, die Planung präzise. Der junge Alpinist trägt Verantwortung – für sich selbst, für seinen Vater und für jede Situation, die sich am Berg entwickeln kann. Diese Haltung wurde früh geprägt. Schon bei den ersten großen Touren war klar, dass dieses Projekt nur funktionieren kann, wenn Sicherheit, Vorbereitung und gegenseitiges Vertrauen an erster Stelle stehen. Jede Route wird gemeinsam geplant, Wetterfenster genau analysiert, Umkehr ist immer eine Option, die auch schon mehrfach wahrgenommen wurde. Der Berg bleibt der Maßstab.

Das Matterhorn – über den Liongrat

Einer der markantesten Momente des bisherigen Projekts war die Besteigung des Matterhorns (4.478 m) über den Liongrat, eine der anspruchsvollen klassischen Routen auf diesen ikonischen Gipfel. Der Grat ist ausgesetzt, technisch fordernd und verlangt über lange Zeit absolute Konzentration. Der Aufstieg bis zur Carrelhütte war schön, teils technisch und anstrengend aber gut vorbereitet und geplant. Am Abend gegen 19 Uhr, kurz vor dem Schlafengehen änderte sich die Situation abrupt: Zwei italienische Bergsteiger war am Ende seiner Kräfte, einer hatte sich im Schneesturm schlafen gelegt, der andere hatte es gerade noch zur Hütte geschafft. Was folgte, war kein Heldentum, sondern routiniertes Handeln. Ein französisches Paar, Tim und Tobias sicherten den Verunglückten, leisteten Erste Hilfe und organisierten die Rettung per Flaschenzug bis zur Hütte. Der Gipfel rückte in diesem Moment in den Hintergrund. Am Berg zählt nicht der Rekord, sondern der Mensch. Der Italiener überlebte mit schweren Erfrierungen. Wenige Stunden später, nach einer jetzt noch kürzeren Nacht, erreichten sie den Gipfel. Für Tim war es ein prägender Moment: der Berg als Ort der Grenzerfahrung – aber auch der Verantwortung.

Eis, Stille und eine gefrorene Wand

Eine wunderschöne Erinnerung ist auch die erste klassische Nordwand, die des Gran Paradiso. Der Gipfel war zwar schon bestiegen, über die Normalroute, aber nur bis zur „Madonna“, dem mittlerweile als Hauptgipfel zweckentfremdeten Nebengipfel des Gran Paradiso. Im Februar ging es also mit Ski zur Chabod-Hütte und am frühen Morgen durch die 600 Meter hohe Eiswand, wo wieder jeder Schritt, jeder Pickelhieb sitzen müssen – aber der spektakuläre Gipfelgrat war lohn genug für die stundenlange Mühe und Kälte in der Nordwand. Solche Passagen sind keine spektakulären Gipfelbilder, aber sie prägen das Projekt. Sie stehen für das, was Alpinismus wirklich bedeutet: Geduld, Technik, mentale Stärke – und die Fähigkeit, in Extremsituationen ruhig zu bleiben.

Ein Projekt ohne Abkürzungen

Alle 53 bisher bestiegenen Gipfel wurden ohne Bergführer erreicht. Diese bewusste Entscheidung bedeutet mehr Verantwortung, aber auch mehr Lernprozess. Routenfindung, Absicherung, Einschätzung von Schnee- und Eisverhältnissen – all das liegt vollständig in den eigenen Händen. Hinzu kommt der Anspruch, den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Die meisten Zustiege erfolgen zu Fuß oder mit Ski, Fahrten werden gebündelt, Übernachtungen reduziert, bzw. Biwaks werden, wenn sinnvoll, bevorzugt. Der Berg ist kein Konsumprodukt, sondern ein sensibler Raum.

Tim im Mittelpunkt

Obwohl zwei Weltrekordversuche parallel laufen, steht Tim im Zentrum des Projekts. Nicht, weil der Rekord das Ziel wäre, sondern weil er zeigt, was junge Menschen leisten können, wenn man ihnen zutraut, Verantwortung zu übernehmen. Tim ist kein „Wunderkind“, sondern ein Teenager, der sich Schritt für Schritt an große Ziele herangearbeitet hat. Training, Rückschläge, Umkehrentscheidungen – all das gehört dazu. Der Weg ist wichtiger als der Rekord selbst. Der geplante Abschluss aller Schweizer Viertausender (44 von 48 sind bereits erreicht) sowie der restlichen Alpen-Gipfel ist für 2026 vorgesehen. Das Projekt nähert sich damit seiner entscheidenden Phase.

Der Vater – Erfahrung mit Diabetes im Hochgebirge

An Tims Seite steht Tobias Steinberger, Vater, Alpinist und seit fast vier Jahrzehnten Typ-1- Diabetiker. Das Hochgebirge stellt besondere Anforderungen an das Diabetes-Management: Kälte, Höhe, körperliche Belastung und unregelmäßige Nahrungsaufnahme verändern den Stoffwechsel erheblich. Technische Geräte, welche für diese Höhen nicht getestet sind und somit offiziell auch nicht zugelassen sind, gefrierendes Insulin, zusätzliches Material.. all das macht das Projekt noch komplexer – aber auch noch spanender ! Sehr gefährlich ist auch die Tatsache, dass eine diabetische Komplikation, die Ketoazidose, praktisch die gleichen Symptome hat wie eine beginnende Höhenkrankheit. Jede Tour ist daher auch ein medizinisches Experiment – gut vorbereitet, eng überwacht, mit klaren Notfallstrategien. Tobias dokumentiert seine Erfahrungen sorgfältig. Sein Ziel ist es, zu zeigen, dass auch mit einer chronischen Erkrankung extreme Leistungen möglich sind – ohne die Risiken zu verharmlosen.

Mehr als Gipfelzahlen

82 Viertausender sind eine Zahl. Doch dahinter stehen unzählige Stunden im Schneesturm, im Wind, im Nebel. Umkehr vor dem Gipfel, wie bei der Jungfrau, bei der wir, nur 200 Höhenmeter vor dem Gipfel, aufgrund einer komplett windverblasenen Traverse und dem damit verbundenen Lawinenrisiko, umkehren mussten. Warten auf Wetterfenster. Diskussionen über Routen. Stille Momente in Biwaks. Spiele auf der Hütte. Austausch mit anderen Alpinisten. Gespräche im Aufstieg, wenn die Welt auf ein paar Quadratmeter Fels schrumpft… aber auch unglaubliche Begegnungen mit der wunderschönen Natur, sei es ein brillant-blauer Käfer, eine seltene Blume, ein Adler der unterhalb der Dufourspitze unter uns kreiste oder das Plätschern eines Gletscherbaches… Dieses Projekt ist kein Wettlauf, sondern ein langfristiger Prozess. Es geht um Vertrauen – zwischen Vater und Sohn –, um Lernen und um Respekt vor der Natur.

Infos:

Ein Projekt, das Mut machen will

„82 Peaks“ ist kein Selbstzweck. Es ist ein Projekt, das zeigen will, dass junges Alter keine Schwäche ist und dass Diabetes kein Ausschlusskriterium für große Ziele sein muss. Nicht jeder muss einen Viertausender besteigen – aber jeder darf große Träume haben.
Wenn dieses Projekt Jugendliche ermutigt, Verantwortung zu übernehmen, oder Menschen mit Diabetes motiviert, ihre Möglichkeiten neu zu denken, dann hat es seinen Zweck erfüllt.

Der Weg ist noch nicht zu Ende. Aber er ist bereits außergewöhnlich.

Tim & Tobias Steinberger

👉 Weitere Informationen, Fotos und Videos: www.82-peaks.com
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👉 Youtube: youtube.com/@82_peaks